Ein ruhiges Spiel, das Aufmerksamkeit wachsen lässt


Wenn man zwei Menschen beim Schachspielen sieht, fällt zuerst die Stille auf. Keine Hektik, kein Durcheinander, nur Figuren und ein Brett. Genau diese klare Umgebung spielte in der Studie von Bornstein und Cunningham (2023) eine entscheidende Rolle. Insgesamt nahmen nur acht Jugendliche und junge Erwachsene an der Untersuchung teil. Die Ergebnisse sind daher eher als erster, explorativer Hinweis zu verstehen nämlich spannend, aber nicht automatisch verallgemeinbar. Solche kleinen Pilotstudien eröffnen oft Fragen, die in größeren Projekten weitergeführt werden können.

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Autismus, die an dem Programm teilnahmen, kamen über sieben Wochen immer wieder an denselben Ort. Sie setzten sich an den Tisch, sahen die vertrauten Felder vor sich und starteten in ihrem eigenen Tempo. Manchmal brauchten sie etwas Zeit, um in der Situation anzukommen. Andere tauchten direkt in das Spiel ein und probierten aus, was eine Figur alles darf. Im Verlauf der Wochen berichteten die Freiwilligen immer wieder, dass Ablenkungen weniger Gewicht hatten und die Teilnehmenden leichter in der Aufgabe blieben. Schach verlangt keine schnellen sozialen Reaktionen und stellt niemanden vor unklare Erwartungen. Das Brett zeigt, was gerade passiert, und genau dieser offene Rahmen schafft Sicherheit. Aus dieser Sicherheit heraus konnten sich viele besser konzentrieren und blieben länger im Moment.

Wie Schach das Arbeitsgedächtnis herausfordert
Wer Schach spielt, hält ständig kleine Informationsstücke im Kopf. Wo steht die eigene Dame, welche Figur des Gegners ist ungeschützt, was könnte nach dem nächsten Zug passieren. Diese Art von Denken ist eng mit dem Arbeitsgedächtnis verbunden. In der Studie wurde dafür ein Memory Match Test eingesetzt, bei dem die Teilnehmenden Kartenpaare finden mussten. Die Ergebnisse vor und nach dem Schachtraining wurden verglichen. Fünf der sechs autistischen Teilnehmenden verbesserten sich merklich. Manche verkürzten ihre Zeit fast um die Hälfte. Diese Entwicklung zeigt, wie eng das spielerische Üben im Schach mit alltäglichen Anforderungen zusammenhängt. Gerade für Menschen mit Autismus kann das Arbeitsgedächtnis im Alltag eine Herausforderung sein. Es betrifft alles, was kurzfristig gespeichert und gleich wieder genutzt werden muss, vom Nachvollziehen von Arbeitsanweisungen bis hin zum Planen von Schritten im Unterricht. Schach macht diese Übung greifbar und lässt sie weniger wie eine Aufgabe wirken, sondern wie ein natürlicher Teil des Spiels.

Selbstvertrauen gewinnen und eigene Stärken entdecken
Viele der Teilnehmenden erlebten im Verlauf der Wochen Momente, in denen sie merkten, dass ihre Entscheidungen Wirkung haben. Der eigene Plan führte zu einem gelungenen Zug. Eine Idee ging auf. Solche Augenblicke bleiben hängen. Die Forschenden beobachteten, wie einige zunehmend eigene Strategien entwickelten und sich sicherer am Brett bewegten. Das Spiel fordert heraus, aber es bestraft nicht. Fehler gehören dazu und können direkt ausprobiert und korrigiert werden. Für Menschen im Autismus Spektrum kann das eine wertvolle Erfahrung sein, weil sie die Verbindung zwischen eigener Handlung und sichtbarem Ergebnis stärker spürbar macht. Das Schachbrett wird zu einem Ort, an dem man experimentieren kann, ohne Druck oder soziale Unsicherheit. Die Studie zeigt, dass genau diese Kombination aus klarer Struktur und eigenem Spielraum dazu beitragen kann, Selbstvertrauen zu stärken und neue Wege zu öffnen, um Fähigkeiten im Alltag zu nutzen.

Quellenverzeichnis
Bornstein, J., & Cunningham, C. (2023). Checking for the Benefits of Chess for People with Autism Spectrum Disorder (ASD). Journal of Student Research, Volume 12, Issue 3.

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