Sport und Autismus: Oft scheitert es am Umfeld, nicht an der Bewegung


Sport wird häufig mit Teams, vollen Hallen, schnellen Wechseln und vielen sozialen Signalen verbunden. Genau diese Rahmenbedingungen können für Kinder und Jugendliche im Autismus Spektrum herausfordernd sein. Nicht, weil Bewegung grundsätzlich schwierig wäre, sondern weil das Umfeld schnell überfordernd wird. Ein hoher Geräuschpegel, körperliche Nähe, spontane Regeländerungen, Erwartung von Blickkontakt oder die Dynamik in Gruppen kosten oft enorm viel Energie. Wenn solche Faktoren übergangen werden, entsteht Frust auf allen Seiten. Wenn sie ernst genommen und eingeplant werden, kann Sport wieder zugänglich werden und für manche sogar zu etwas werden, das richtig gern gemacht wird.
Bewegung kann dabei unterstützen, Anspannung zu regulieren, den eigenen Körper besser wahrzunehmen und verlässliche Routinen aufzubauen. Fachtexte beschreiben außerdem, dass sportliche Aktivität bei Jugendlichen mit Autismus verschiedene Bereiche stärken kann, zum Beispiel Motorik und Stressregulation. Entscheidend ist weniger die Sportart an sich, sondern die Passung zwischen Person, Setting und Struktur.

Welche Bewegungsformen häufig gut passen
Es gibt keine Einheitslösung. Trotzdem zeigen viele Erfahrungen, dass bestimmte Merkmale Angebote oft deutlich zugänglicher machen: klare Abläufe, vorhersehbare Übungen, gut verständliche Regeln, wenig Unruhe und ein Tempo, das möglichst selbst mitbestimmt werden kann.

Schwimmen wird von vielen als angenehm erlebt, weil die Bewegungen gleichmäßig sind und das Wasser deutliche Körperrückmeldung geben kann. Klettern oder Bouldern kann gut passen, weil der Fokus stark auf einer konkreten Aufgabe liegt und Pausen gut planbar sind. Radfahren und Laufen funktionieren oft, weil Strecke und Tempo flexibel gewählt werden können und die Anforderungen an soziale Interaktion gering sind. Auch Kampfsport kann eine gute Option sein, wenn das Training strukturiert ist, Regeln eindeutig vermittelt werden und Trainerinnen und Trainer klar ankündigen, was als Nächstes passiert. Für manche ist die Gruppengröße der entscheidende Faktor. Kleine Gruppen bedeuten häufig weniger Reizdruck und mehr Übersicht. Manchmal ist auch Einzeltraining sinnvoll, zumindest für den Einstieg, bis Sicherheit entsteht und Abläufe vertraut sind.

Einstieg ohne Druck: Was Eltern und Fachkräfte im Blick behalten können
Ein guter Start gelingt häufig in kleiner Dosierung. Ein Probetraining kann schon reichen, um einzuschätzen, ob Umgebung, Lautstärke, Umgangston und Ablauf passen. Hilfreich ist, vorab konkrete Fragen zu klären: Wie läuft eine Stunde typischerweise ab? Wie voll ist es? Wie laut wird es? Gibt es die Möglichkeit, sich kurz zurückzuziehen? Manche profitieren davon, den Ort erst einmal in Ruhe anzuschauen, bevor sie aktiv teilnehmen. Auch Kommunikation wirkt oft entlastend, wenn sie klar und praktisch bleibt. Kurze, konkrete Hinweise helfen häufig mehr als lange Erklärungen. Pausen sind in Ordnung. Ansagen bitte eindeutig. Berührungen nur nach Vorankündigung. Viele Trainerinnen und Trainer können gut damit umgehen, wenn sie wissen, was gebraucht wird und worauf sie achten sollten.

Wenn der Verein nicht klappt: Es gibt andere Wege
Wenn ein Verein nicht passt, sagt das nichts über das Kind oder die grundsätzliche Sportfähigkeit aus. Manchmal stimmt schlicht die Kultur nicht, oder die Rahmenbedingungen sind zu unruhig. Dann lohnt sich der Blick auf Alternativen, zum Beispiel Kurse mit ruhiger Atmosphäre, offene Sportzeiten mit weniger Andrang, Bewegung in der Natur oder feste Bewegungsroutinen im Alltag.
Oft sind es nicht die großen Einheiten, die den Unterschied machen, sondern Regelmäßigkeit ohne Stress. Schon kurze, verlässliche Bewegungseinheiten können viel bewirken, wenn sie sich sicher anfühlen und nicht jedes Mal mit Überforderung verbunden sind.

Mehr zum Thema Autismus bei JuCare
Wenn Sie sich für weitere Themen im Autismusbereich interessieren oder sich über eine mögliche Autismustherapie informieren möchten, finden Sie hier zwei passende Einstiege: Weitere Informationen zur sensorischen Selbstregulation im Autismus-Spektrum (z. B. Stimming als Strategie zur Reiz- und Stressregulation) finden Sie hier: Stimming verstehen – sensorische Selbstregulation bei Autismus. Einen kompakten Überblick über unterstützende Ansätze und Bausteine der Begleitung erhalten Sie außerdem unter: Autismustherapie. Wenn Sie ein Anliegen haben oder eine Beratung anfragen möchten, können Sie JuCare hier direkt kontaktieren: Kontakt.

 

Quellen:
Kauczor-Rieck, K., Allroggen, M., & Gradl-Dietsch, G. (2024). Sport- und Bewegungstherapie in der Behandlung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen.
Nass, R., & Hammer, R. (2021). Bewegung in Autismus bringen: Die Gestaltung von Bewegungsaktivitäten für Menschen mit Autismus.
Krieger, B., Riedi, E., & Schwager, C. (2021). Junge Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung für Sport begeistern: Ansatzpunkte zur Unterstützung der Partizipation an sportlichen Aktivitäten.