Kochen bei Autismus: Warum die Küche oft ein guter Übungsraum ist

Kochen ist Alltag. Gleichzeitig ist es ein ziemlich guter Ort, um Dinge zu üben, die sonst im Tagesstress schnell untergehen: Reihenfolgen einhalten, kleine Entscheidungen treffen, Pausen machen, wenn es zu viel wird. Und am Ende passiert etwas, das man sehen, riechen und schmecken kann. Für viele Kinder mit Autismus ist genau dieses „Ich habe etwas gemacht und es ist fertig“ ein starkes Gefühl.
In der Versorgung wird Kochen auch deshalb häufig als alltagspraktische Fähigkeit genannt, die man Schritt für Schritt stärken kann, zum Beispiel im Rahmen der autismustherapeutischen Unterstützung.

Sensorik beim Essen: Geruch, Konsistenz und Geräusche sind nicht „nur Gewohnheit“
Viele Familien kennen das Thema Essen als echte Belastung. Bestimmte Gerüche sind zu stark, Texturen fühlen sich unangenehm an, ein Crunch-Geräusch kann stören, manche Lebensmittel sehen schon schwierig aus, bevor sie überhaupt probiert werden. Das hat häufig mit sensorischer Verarbeitung zu tun und kann bei Kindern mit Autismus deutlich ausgeprägt sein.
Wenn das Essen so aufgeladen ist, kann Kochen trotzdem eine Brücke sein, aber nur, wenn der Druck raus ist. Niemand wird entspannter, wenn jede Mahlzeit als Test verstanden wird. Gerade bei stark selektivem Essverhalten lohnt sich außerdem ein wachsames Auge auf mögliche Mangelrisiken und darauf, ob professionelle Unterstützung sinnvoll ist.

Gemeinsam kochen: Mehr als Rezepte, eher ein Training für Alltag und Miteinander
Es gibt Konzepte, die Kochen ausdrücklich als Rahmen nutzen, um Selbstständigkeit, Planung und soziale Kompetenzen zu fördern. Da geht es nicht um „perfekt kochen“, sondern um gemeinsam vorbereiten, Absprachen treffen, Aufgaben übernehmen und am Ende zusammen essen.
Im Familienalltag funktioniert das am besten, wenn Kochen klein gestartet wird. Ein Snack ist oft besser als ein ganzes Menü. Eine Aufgabe reicht. Gemüse waschen, Reis abmessen, den Timer stellen, Kräuter zupfen. So entsteht Teilhabe, ohne dass es sich nach Überforderung anfühlt.

So wird es leichter: Anpassungen, die im echten Leben funktionieren
Viele Entlastungen sind erstaunlich unspektakulär, wirken aber sofort. Eine ruhige, wiederholbare Reihenfolge hilft. Erst Hände waschen, dann Zutaten bereitstellen, dann schneiden, dann kochen. Wer mag, arbeitet mit Bildern oder kurzen Karten, auf denen die Schritte stehen. Bei sensibler Wahrnehmung kann es außerdem helfen, Gerüche zu reduzieren, zum Beispiel durch kalte Zubereitung am Anfang, gute Lüftung oder Zutaten, die mild sind. Wenn bestimmte Texturen schwierig sind, kann das Kind trotzdem mitmachen, ohne diese anfassen zu müssen. Zange statt Finger, Handschuhe, ein eigenes Schneidebrett, kleine Schüsseln, in denen Zutaten getrennt bleiben. Und noch etwas, das oft unterschätzt wird: Wahlmöglichkeiten. Nicht zehn Optionen, aber zwei. Möchtest du die Gurke schneiden oder die Tomaten waschen. Möchtest du die Nudeln abgießen oder den Tisch decken. So bleibt die Kontrolle dort, wo sie gebraucht wird, ohne dass alles offen ist.

Wenn die Küche trotzdem kein Wohlfühlort wird: Das ist kein Scheitern
Nicht jede Person findet Kochen entspannend. Manche finden die Geräusche, Gerüche oder das Hantieren mit warmen Dingen schlicht zu viel. Dann kann Teilhabe anders aussehen. Einkaufen mit klarer Liste, Lebensmittel sortieren, Brotdose packen, Tee machen, den Timer stellen, abspülen. Das sind reale, sinnvolle Beiträge, die Selbstständigkeit fördern, ohne die Sensorik zu überfordern.

Interesse an Unterstützung durch JuCare?
Falls Sie sich für eine autismustherapeutische Unterstützung interessieren oder sich unverbindlich informieren möchten, finden Sie bei JuCare weitere Informationen zur Autismustherapie. Ergänzend bietet JuCare alltagsnahe Impulse rund um Schule und Begleitung – zum Beispiel in diesem Beitrag zur erfolgreichen Inklusion.

Quellen:
Autismus Deutschland e.V.: BT Dortmund – Inklusive Leitung, 10.06.2017 (PDF)
Gesundheitsinformation.de (IQWiG): Wie wird Autismus behandelt?
SI-GA: Sensorische Sensibilität und Nahrungsmittelselektivität bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung