Musik und Autismus im Alltag: Wenn Reize zu viel werden

Für viele Menschen im Autismus Spektrum ist ein normaler Tag voller kleiner Reizspitzen. Gespräche im Hintergrund, klappernde Teller, grelles Licht, mehrere Dinge gleichzeitig. Das kostet Energie, manchmal schon bevor überhaupt etwas „Schwieriges“ passiert. Musik kann in solchen Momenten helfen, weil sie etwas Konkretes anbietet, woran sich der Kopf orientieren kann: Rhythmus, Wiederholung, eine klare Struktur. Manche merken dann, dass der Körper ruhiger wird, andere fühlen sich einfach weniger ausgeliefert.
Dabei geht es nicht um einen bestimmten Musikstil. Entscheidend ist oft, dass die Musik vertraut ist und zu dem passt, was gerade gebraucht wird. Für die eine Person ist das etwas Ruhiges, für die andere ein gleichmäßiger Beat. Und für viele ist schon das Aufsetzen von Kopfhörern ein Signal: Jetzt habe ich kurz Abstand.

Warum vertraute Songs oft so gut funktionieren
Viele Menschen hören bestimmte Lieder sehr häufig. Das kann nach außen nach „immer dasselbe“ aussehen, ist aber im Alltag oft eine sinnvolle Strategie. Vertraute Musik überrascht nicht. Man weiß, was als Nächstes kommt. Genau dieses Vorhersehbare kann entlasten, wenn sonst gerade vieles unklar oder zu schnell ist. Musik wird außerdem häufig genutzt, um Gefühle einzuordnen.
Nicht jede Person kann in Worten sofort benennen, ob gerade Stress, Angst oder Überforderung da ist. Musik kann dann wie eine Schublade wirken: Das passt zu mir, so fühlt es sich an, damit komme ich klar. In der Forschung wird auch diskutiert, dass musikalische Verarbeitung bei autistischen Kindern in bestimmten Bereichen gut zugänglich sein kann, selbst wenn Sprache in manchen Situationen schwerer fällt.

Musik als Unterstützung: Zuhause, unterwegs, in der Schule
Im Alltag helfen kleine, unaufgeregte Lösungen. Eine kurze Playlist für den Weg zur Schule oder nach Hause. Ein „Musikfenster“ nach Terminen, die viel Kraft kosten. Ein Lieblingssong als Pause zwischen Aufgaben. Das funktioniert besonders gut, wenn es nicht als Belohnung verkauft wird, sondern als normaler Teil der Tagesstruktur.
Unterwegs lohnt sich ein Blick auf den Komfort. Kopfhörer müssen angenehm sitzen, sonst werden sie selbst zum Reiz. Wer stark auf Geräusche reagiert, kann zusätzlich Ohrschutz dabeihaben, einfach als Reserve. Und wenn die Umgebung sehr unruhig ist, hilft manchmal auch Musik ohne Gesang, weil weniger Sprache verarbeitet werden muss. Das ist kein Muss, eher eine Option, die manche als leichter empfinden.

Quellen:
DMTG (2021): Keine Musiktherapie bei Autismus? Stellungnahme der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft zur neuen AWMF S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen … Teil 2: Therapie (PDF)
AWMF S3-Leitlinie (Reg.-Nr. 028-047l, 2021): Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter – Teil 2: Therapie (Langversion, PDF)