Hyperfokus bei Autismus – wenn vier Stunden sich anfühlen wie zehn Minuten

Vollständig versunken: Was Hyperfokus wirklich bedeutet

Das Kind sitzt seit drei Stunden vor einer Zeichnung, hat weder gegessen noch getrunken, reagiert auf Ansprache nicht – und wenn man es unterbricht, wirkt es so als hätte man es aus dem Schlaf gerissen. Für Eltern und Lehrkräfte sieht das nach einem Problem aus. Dabei ist Hyperfokus bei Autismus zunächst mal genau das, wonach es auch aussieht: vollständige Versenkung in eine Tätigkeit, so tief und intensiv, dass alles andere verschwindet.

Was passiert im Kopf, wenn der Hyperfokus einsetzt?
Wer im Hyperfokus ist, filtert Umgebungsreize fast vollständig aus. Hunger, Harndrang, Geräusche, sogar Schmerz – alles wird leiser. Das Gehirn priorisiert eine einzige Aufgabe so stark, dass die übliche Reizüberflutung, die viele autistische Menschen im Alltag erleben, für eine Weile aufhört. Das ist auch der Grund, warum Hyperfokus sich für die betroffene Person oft nicht anstrengend anfühlt, sondern erleichternd. Problematisch wird es, wenn die Grundbedürfnisse zu lange ignoriert werden (z.B. ein Kind, das seit fünf Stunden nichts getrunken hat) oder wenn Unterbrechungen von außen ohne Vorwarnung kommen. Der Wechsel aus dem Hyperfokus zursück in die Alltagswahrnehmung ist hart – vergleichbar mit plötzlichem Lichteinschalten in einem dunklen Raum.

Wie kann man den Hyperfokus begleiten, statt ihn zu bekämpfen?
Der Reflex vieler Erwachsener ist: unterbrechen, umlenken, Grenzen setzen. Aber Hyperfokus ist weder eine Trotzreaktion noch eine Sucht. Es ist ein Zustand, in dem jemand vollständig bei sich selber ist. Was aber trotzdem helfen kann: Ankündigungen statt abrupter Unterbrechungen (z.B. „In zehn Minuten gibt es Essen“), visuelle Timer, feste Zeitfenster für die Tätigkeit, die das Kind selbst sehen kann.
Und ein Detail, das oft übersehen wird: Hyperfokus lässt sich nicht auf gezwungene Art und Weise auf beliebige Themen lenken. Er entsteht nämlich dort, wo echtes Interesse ist und nicht dort, wo Erwachsene ihn gerne hätten. Wer versucht, den Fokus auf Hausaufgaben zu lenken wird scheitern. Wer ihn stattdessen als das akzeptiert, was er ist – nämlich konzentrierte Auseinandersetzung mit etwas, was das Kind wirklich interessiert hat einen besseren Ausgangspunkt.

Mehr von JuCare?
Alles rund um unsere Therapieangebote finden Sie auf ju-care.com/autismustherapie.
Für regelmäßige Einblicke in den Alltag mit autistischen Kindern: ju-care.com/newsletter.

Quellen:
Praxis für Psychologie Berlin: ADHS und Autismus – Hyperfokus & Spezialinteressen: Wie werden sie diagnostiziert?

Weiterlesen

Autismus: Stärken erkennen statt nur Defizite sehen

Autismus: Stärken erkennen statt nur Defizite sehen

Heute ist Autistic Pride Day – ein Tag, der von autistischen Menschen selbst getragen wird und für Stolz statt Defizit steht. Genau deshalb wollen wir heute über eine Frage sprechen, die im Alltag fast nie gestellt wird. Denn Stärken im Autismus zu erkennen kann...

Autistische Kinder: Schlafprobleme verstehen und lindern

Autistische Kinder: Schlafprobleme verstehen und lindern

Mehr als 80 Prozent. So hoch liegt der Anteil autistischer Kinder mit Schlafproblemen – und das sind noch vorsichtige Schätzungen aus Studien. Familien berichten von Einschlafdauern über eine Stunde, vom Aufwachen um drei und vom Morgen, an dem das Kind erschöpft in...

Autismus und Widersprüche: keine Sturheit sondern Logik

Autismus und Widersprüche: keine Sturheit sondern Logik

Jemand sagt im Meeting „das haben wir schon immer so gemacht“ obwohl Sie wissen, dass es nachweislich nicht stimmt. Für die meisten Menschen im Raum ist das ein unerhebliches Detail. Für viele autistische Menschen kann es ein Problem sein, welches sich nicht einfach...

Rationalität bei Autismus

Rationalität bei Autismus

Werbung funktioniert fast immer über denselben Umweg: Sie umgeht das rationale Urteil, indem sie Gefühle, Dringlichkeit oder sozialen Druck adressiert. „Nur noch drei auf Lager“ oder „Nicht verpassen.“ sind typische Sätze die man dabei täglich sieht oder hört. Viele...

Viele autistische Kinder träumen anders als ihre Geschwister

Viele autistische Kinder träumen anders als ihre Geschwister

Viele Eltern berichten, dass ihr autistisches Kind morgens kaum von Träumen erzählt – während Geschwister lebhaft von Abenteuern, fremden Orten oder erfundenen Figuren berichten. Manchmal wird es als Hinweis auf eingeschränkte Fantasie gedeutet, was nicht stimmt. Das...