Wenn Anpassung zur Falle wird: Autismus bei Mädchen erkennen
Die Zahlen aus der aktuellen Forschung sind eindeutig: Etwa 80 Prozent der autistischen Mädchen werden bis zum 18. Lebensjahr nicht diagnostiziert. In der Praxis zeigt sich das jeden Tag – die Diagnose kommt oft erst mit 14, 16 oder noch später. Nach jahrelangem Leidensweg. Nach unzähligen Arztbesuchen mit falschen Diagnosen. Nach Schulkarrieren, die hätten anders verlaufen können.
Wenn Anpassung zur Überlebensstrategie wird
Der Grund dafür heißt Masking, oder auf Deutsch: Maskieren oder Verbergen. Autistische Mädchen lernen oft schon früh, ihre autistischen Züge zu verbergen. Sie beobachten genau, wie andere sich verhalten, kopieren Mimik und Gestik, zwingen sich zu Blickkontakt. In der Pause stehen sie in der Gruppe, auch wenn sie sich innerlich völlig überfordert fühlen. Sie lächeln zur richtigen Zeit, auch wenn sie den Witz nicht verstehen.
Eine aktuelle Studie mit über 2.500 Kleinkindern zeigt etwas Bemerkenswertes: Bei sehr jungen Kindern gibt es kaum Geschlechtsunterschiede in autistischen Merkmalen. Die Unterschiede entstehen erst später – vermutlich genau durch diesen sozialen Anpassungsdruck.
Das Problem mit den Diagnosekriterien
Hier wird es knifflig: Die gängigen Diagnoseinstrumente wie der ADOS (Autism Diagnostic Observation Schedule) sind hauptsächlich an Jungen entwickelt worden. Sie erfassen den klassisch männlichen Autismus-Erscheinungsbild gut – stereotype Bewegungen, ausgeprägte Spezialinteressen an Zügen oder Zahlen, direktes soziales Verhalten. Was diese Tests dagegen oft übersehen, sind viele Mädchen. Sie können sich stundenlang mit Themen wie Pferden oder Büchern beschäftigen – Interessen, die schnell als „typisches Mädcheninteresse“ abgetan werden. In sozialen Situationen wirken sie häufig unauffällig, weil sie gelernt haben, sich anzupassen. Ihre Erschöpfung oder Überforderung zeigt sich meist erst zu Hause.
Was das für die schulische Praxis bedeutet
Die neue Forschung von Lindmeier aus 2025 macht deutlich: Masking ist keine harmlose Anpassungsfähigkeit. Es kostet enorme Energie und führt langfristig zu psychischen Belastungen. Viele autistische Frauen berichten von Depression, Angststörungen und einem kompletten Zusammenbruch in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter – dem autistischen Burnout.
Das heißt konkret: Genauer hinschauen bei dem stillen, angepassten Mädchen, das plötzlich Schulverweigerung zeigt. Bei der Schülerin, die sich in der großen Pause auf der Toilette versteckt. Bei der Jugendlichen, die perfekt funktioniert, aber permanent erschöpft ist.
Die Diagnose ist der erste Schritt zu echter Unterstützung. Sie darf nicht erst mit 16 kommen.
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Quellen:
Lindmeier (2025): Masking bzw. Camouflaging als zentrale Strategie – pedocs.de
Spektrum der Wissenschaft: Autismus – Kaum Geschlechtsunterschiede bei Kleinkindern
Spektrum der Wissenschaft: Warum Frauen in Autismus-Studien unterrepräsentiert sind


