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JuCare Schulbegleitung

JuCare Minis

Artikel zum Welt-Autismus-Tag

Als nächstes zielt er das Abi an

Von Ebba Hagenberg-Miliu

Monika Stölting zum Weltautismustag
Foto: Max Malsch

Monika Stölting vom Jugendhilfeträger ‚JuCare‘ hat Oliver dabei geholfen, sich im alltäglichen Leben zurechtzufinden.

Der Sohn sitzt inmitten seiner Familie und freut sich. Aber dann schüttelt er den Kopf. „Ich sehe mich eigentlich als relativ normal“, sagt er. Auf jeden Fall, seit er in Therapien an sich arbeite. Therapeutin Monika Stölting verdeutlicht: Bei Oliver liege das Asperger-Syndrom vor. Der 18-Jährige sei zwar in der Kommunikation beeinträchtigt, besitze aber gute sprachliche Fähigkeiten und eine hohe Denkfähigkeit in bestimmten Bereichen. „Na ja“, gibt Oliver nun zu. „Irgendwie habe ich mich vor Jahren schon als Sonderling gesehen, besonders als wir hier herzogen und ich in eine neue Schule gehen musste.“ Er sei eben eher introvertiert.

Jetzt wird Oliver ernst. Er hat seit 2010 eine Odyssee an Schulwechseln hinter sich. Nirgendwo gelang dem Jungen der Anschluss. „Dabei habe ich niemandem etwas getan. Ich habe versucht, dabei zu sein.“ Und dann habe ihn eine Schülergruppe die Treppe hinuntergeschmissen. Schweigen im Raum. Die Erinnerungen schmerzen. Ein anderes Mal hätten ihn Mitschüler aus seinem Zuhause holen wollen und Blumenerde durchs Fenster geworfen. „Es war der Alptraum. Er wollte überhaupt nicht mehr zur Schule gehen. Ich hatte Angst, dass er Suizidgedanken bekommt“, sagt die Mutter tonlos.

Oliver widerspricht sofort. „Die hatte ich nie“, versichert er. Aber die Zeit sei schlimm gewesen, die Ignoranz der Lehrer. „Da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut“, meint Susanne Möller schaudernd. In der Förderschule war Oliver geistig unterfordert. In der Regelschule sprach die Schulpsychologin von Überforderung der Lehrer. Ein Teufelskreis. Ein Mensch mit einer AutismusSpektrum-Störung habe halt ein hohes Bedürfnis nach festen Abläufen für die Handlungsplanung und eine qualitativ andere Emotionalität, erklärt Therapeutin Stölting.

Deshalb falle Oliver die Integration in Gruppen schwer und die Umwelt verstehe ihn nicht. Ein halbes Jahr wurde Oliver einfach nur krankgeschrieben. Alle Hürden seien jedoch nur mit therapeutischer Hilfe zu bewältigen. Aber dafür musste ein Diagnosetermin erkämpft sein, berichtet die Mutter über quälende Wartezeiten. Dann lag die für sie befreiende Nachricht auf dem Tisch: Nun wusste die Familie, was zu tun war. Tagsüber ging Oliver erst einmal in eine jugendpsychiatrische Einrichtung. Und lernte, sich zu sagen: „Ich muss erreichen, damit zu leben. Das ist ja keine Krankheit.“

Über das Jugendamt erhielten die Möllers eine ambulante Familienhilfe als Eingliederungshilfe für Jugendliche mit seelischer Beeinträchtigung. Monika Stölting vom Jugendhilfeträger „JuCare“ kam ins Spiel und war von nun an für die autismusspezifische Förderung, Therapie und Beratung von Oliver und seiner Familie verantwortlich. Später kam eine Gruppentherapie hinzu. Heute wird Oliver vom Bonner Autismus-Therapie-Zentrum geholfen.

„Wir haben immer wieder Alltagssituationen aufgegriffen, die für Oliver schwierig waren, um einen sozial kompatiblen Plan B aufzubauen“, berichtet Stölting. Autismus zu verstehen und trotz großer Ängste ein positives Selbstbild aufzubauen, das sei ein grundlegender Ansatz gewesen. „Wir haben Oliver nie aufgegeben und ihn so angenommen, wie er ist“, sagt Susanne Möller. Das Resultat: Der Junge ist längst wieder im Unterricht und macht seinen Realschulabschluss. Die Noten sind so gut, dass er das Abitur angehen kann.„Inzwischen komme ich super klar“, ist Oliver stolz.

Er sei schon viel offener, habe Freunde gewonnen. „Die soziale Interaktion ist jetzt einfacher“, lacht Oliver über den Fachterminus. Der 18-Jährige werde seinen Weg gehen, sind die Eltern sicher. „Wir sehen ihn im Bereich Computertechnik.“ Obwohl er sich schon Sorgen mache, ob er es später schaffe, selbstständig zu wohnen, fügt Oliver nachdenklich hinzu. Es gebe lebenslange therapeutische Begleitung, da brauche er sich keine Sorgen machen, meint Stölting.

Von Asperger Betroffene zeichneten sich durch hohe Verlässlichkeit, analytische Perfektion und Kontinuität im Handeln und Denken aus. Wenn der strukturelle Rahmen am Arbeitsplatz stimme, der Mensch mit Autismus sich wohl fühle und das Arbeitsfeld seinen Fähigkeiten entspreche, könne sich eine Firma keine produktiveren Mitarbeiter wünschen. „Besonders der Bereich der Informatik stellt für viele mit Asperger-Syndrom einen Arbeitsschwerpunkt dar.“

Kontakt zum Jugendhilfeträger JuCare GbR, Gerichtsweg 35a: Tel. 02 28/36 76 12 92, Mail: monika.stoelting@ju-care.com. Anlässlich des Welt-Autismus-Tages bietet JuCare kostenfreie Beratungstage am Samstag, 11. und 18. April, jeweils von 10 bis 15 Uhr an. (…)

Autismus

Autismus ist von der Weltgesundheitsorganisation als tiefgreifende Entwicklungsstörung definiert. Sie gilt als angeborene und unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns. Autisten zeigen Schwächen in der sozialen Kommunikation, aber besondere Stärken in den Bereichen Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Wahrnehmung. Es wird von Inselbegabungen gesprochen.

Ein bekanntes Beispiel bietet der Spielfilm „Rain Man“ mit Dustin Hoffman in der Autistenrolle. Das Asperger Syndrom trifft für Menschen zu, die intellektuell alles andere als beeinträchtigt sind und ein gutes Sprachvermögen haben, aber deren soziales Verhalten anders erscheint. In Deutschland wird von mindestens 15 Autisten auf 10.000 Kinder ausgegangen. Mit dem morgigen Autismustag soll eine weltweite Sensibilisierung erreicht werden.

Artikel vom 01.04.2015
General Anzeiger Bonn