Viele Eltern und Schulbegleitungen kennen die Situation: Das Kind trinkt den ganzen Vormittag nichts, geht nicht zur Toilette, bis es fast zu spät ist, und merkt selbst kaum etwas davon. Häufig wird das als Schusseligkeit oder Trotz gedeutet, was nicht stimmt. Dahinter steckt ein Sinn, über den selten jemand spricht: die Interozeption, also die Wahrnehmung der eigenen Körpersignale.
Was genau ist Interozeption?
Neben den bekannten Sinnen gibt es einen weiteren, der nach innen gerichtet ist. Er meldet, ob man Hunger hat oder Durst, ob die Blase voll ist oder die Kraft langsam nachlässt. Bei vielen autistischen Menschen arbeitet das Netzwerk, das diese inneren Signale verrechnet (vor allem die Inselrinde), anders, und das zeigt sich im Alltag deutlich. Die Signale kommen schwächer an oder verzögert, manchmal erst dann, wenn der Körper längst im roten Bereich ist. Ein Kind spürt in dem Moment kein klares „ich habe Hunger“. Es bemerkt nur diffus, dass etwas nicht stimmt, ohne sagen zu können, was.
Wie wirkt sich das im Alltag aus?
Viel häufiger, als man denken könnte. Da ist das Kind, das stundenlang nichts trinkt und nachmittags mit Kopfschmerzen und wegbrechender Konzentration dasitzt, oder der Jugendliche, der umkippt und erst hinterher erfährt, dass er seit dem Frühstück nichts gegessen hat. Auch Schmerz und Erschöpfung gehören dazu, eine Verletzung wird spät bemerkt und die Überlastung oft erst, wenn sie sich längst in einem Meltdown entladen hat. Wer das nur als Verweigerung liest, reagiert auf das Falsche und übersieht, dass dem Kind schlicht die Information fehlt.
Was hilft?
Den Sinn selbst kann man kaum antrainieren, das wäre eine unrealistische Erwartung. Was sich lohnt, ist, die fehlende Meldung von außen zu ersetzen: feste Trink- und Pausenzeiten, die an die Uhr gekoppelt sind statt ans Gefühl, dazu das gemeinsame Benennen von Körpersignalen genau in dem Moment, in dem sie auftreten (z.B. „dein Bauch knurrt, das heißt du hast Hunger“). So entsteht nach und nach eine Verbindung, die sonst von allein nicht zustande kommt. Manchmal hilft auch ein Fragebogen, um einzuschätzen, wie stark die Wahrnehmung abweicht. Und ein Punkt, der selten ausgesprochen wird: Erziehung oder Disziplin spielen hier kaum eine Rolle, und mehr Druck verschlimmert die Sache meistens.
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