Heute ist Autistic Pride Day – ein Tag, der von autistischen Menschen selbst getragen wird und für Stolz statt Defizit steht. Genau deshalb wollen wir heute über eine Frage sprechen, die im Alltag fast nie gestellt wird. Denn Stärken im Autismus zu erkennen kann manchen Menschen sehr schwer fallen.
Wie entsteht ein Selbstbild aus lauter Defiziten?
Diagnosen erfassen, was außerhalb der Norm liegt – das ist ihr Auftrag. Aber was in Förderplänen steht, was auf Elternabenden besprochen wird, woran Lehrkräfte im Nachgespräch hängenbleiben: das ist fast nie das was gut läuft. Kinder registrieren das. Sie hören, worüber Erwachsene besorgt sind, und bauen ihr Selbstbild Schritt für Schritt aus genau diesen Fragmenten zusammen.
Dazu kommt Masking: viele autistische Kinder unterdrücken früh was auffällt, weil sie irgendwann gemerkt haben, dass diese Impulse Reibung erzeugen können. Das Umfeld hat diese Art von Schutzmechanismen mit geprägt, indem es immer nur auf eine Seite geschaut hat.
Woran lassen sich Stärken ablesen, die niemand benannt hat?
Eine Frage hilft oft mehr als jede strukturierte Bestandsaufnahme: Wann vergisst jemand die Zeit, weil er so beschäftigt ist? Diese Momente entstehen fast immer dort, wo echtes Interesse und echte Kompetenz zusammentreffen – bei autistischen Menschen häufig in Bereichen, die das Umfeld als Spezialinteressen verbucht.
Detailwahrnehmung, Gerechtigkeitsgefühl, das Erkennen von Mustern in Informationen, die anderen ungeordnet erscheinen – das steht in keinem Förderplan. In manchen Berufsfeldern ist genau das der Unterschied. Was Schulbegleitungen und Lehrkräfte tun können, ist überschaubar: benennen, was sie sehen – ohne Lobrede, einfach als Beobachtung. Für jemanden, der jahrelang hauptsächlich hört, was an ihm nicht passt, ist das keine Selbstverständlichkeit.
Der Autistic Pride Day erinnert daran, dass es dabei nicht um ein Defizit geht, das ausgeglichen werden muss, sondern um Menschen, deren Stärken oft nur darauf warten, endlich gesehen zu werden.
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