Ein Kind, das stundenlang versunken an einem Thema tüftelt und im nächsten Moment keine zwei Minuten still sitzen kann. Das auf Ordnung pocht und gleichzeitig das Chaos im Ranzen nicht in den Griff bekommt. Solche widersprüchlichen Bilder verunsichern Eltern, Lehrkräfte und manchmal auch Fachleute. Häufig steckt dahinter eine Kombination, die lange gar nicht zusammen gedacht wurde: Autismus und ADHS, kurz AuDHD.
Wie oft kommt das wirklich zusammen vor?
Deutlich öfter, als man früher annahm. Schätzungen zufolge erfüllt rund die Hälfte aller autistischen Menschen auch die Kriterien für ADHS und umgekehrt zeigen viele Menschen mit ADHS autistische Züge. Lange war diese Doppeldiagnose offiziell gar nicht vorgesehen: Bis 2013 galten Autismus und ADHS im gängigen Diagnosesystem als sich gegenseitig ausschließend, man durfte nur eines von beiden vergeben. Erst seither werden beide zusammen anerkannt. Ganze Generationen wurden also nur mit der halben Wahrheit eingeordnet.
Warum tarnen sich Autismus und ADHS gegenseitig?
Weil sie oft in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Der autistische Anteil sucht Struktur, Wiederholung, und Vorhersehbarkeit. Der ADHS-Anteil sucht Reiz, Abwechslung, und Neues. Diese beiden Kräfte können sich teilweise aufheben, sodass ein Kind nach außen erstaunlich „unauffällig“ wirkt, innerlich aber ständig zwischen zwei Bedürfnissen pendelt. Mal überdeckt die Reizoffenheit die Liebe zur Routine, mal ist es umgekehrt. Für die Diagnostik heißt das: Das eine Muster verdeckt das andere, und am Ende passt das Kind nicht eindeutig in die üblichen diagnostischen Kategorien.
Was bedeutet das für den Alltag?
Vor allem, dass widersprüchliches Verhalten kein Beweis für „will nicht“ ist. Wer ein Kind nur als verträumt und strukturliebend oder nur als zappelig und impulsiv einordnet, verpasst die Hälfte. Gerade das Planen und Umsetzen von Aufgaben fällt bei AuDHD häufig schwerer als bei nur einer der beiden Diagnosen, und die Gesamtbelastung ist spürbar höher. Hilfreich ist, beide Seiten ernst zu nehmen: feste Strukturen, die trotzdem genug Bewegung und Reiz zulassen. Und dieser Blick lohnt sich, denn ein Kind, das nicht in klare Kategorien passt, vereint oft mehrere Bereiche eines Spektrums in sich.
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