In vielen Familien wird nach der Diagnose eine Entscheidung getroffen, die gut gemeint ist: Ab jetzt reden alle nur noch Deutsch. Die Zweitsprache verschwindet, weil die Eltern ihr Kind sprachlich nicht überfordern wollen. Verständlich ist das, doch die Forschung deutet in eine andere Richtung.
Was hat eine Studie dazu herausgefunden?
Ein Forschungsteam aus Genf, Thessalien und Cambridge hat 103 autistische Kinder zwischen 6 und 15 Jahren untersucht, davon 43 zweisprachige. Alle bearbeiteten Aufgaben zur Theory of Mind, also zum Hineinversetzen in andere, und zu den Exekutivfunktionen, die Aufmerksamkeit und Handlungssteuerung umfassen. Die zweisprachigen Kinder schnitten durchgehend besser ab. Bei den Aufgaben zur Theory of Mind lagen sie bei 76 Prozent richtiger Antworten, die einsprachigen bei 57 Prozent. Bei den Exekutivfunktionen war ihr Ergebnis sogar doppelt so gut. Bemerkenswert ist ein Nebenbefund: Die zweisprachigen Kinder kamen im Schnitt aus wirtschaftlich schwächeren Verhältnissen, der Vorteil blieb trotzdem bestehen.
Warum wirkt das ausgerechnet dort, wo es schwerfällt?
Weil zwei Sprachen im Alltag genau die Muskeln trainieren, die im Spektrum oft schwächer sind. Ein zweisprachiges Kind muss bei jeder Begegnung überlegen, welche Sprache das Gegenüber spricht. Damit beschäftigt es sich ständig mit dem Wissen einer anderen Person, und das ist der Kern der Theory of Mind. Im zweiten Schritt richtet es die Aufmerksamkeit auf eine Sprache und hält die andere zurück, was wiederum die Exekutivfunktionen fordert. Dieses Umschalten passiert viele Male am Tag.
Was bedeutet das für Familien?
Vor allem eine Entlastung. Wer zu Hause Türkisch, Polnisch oder Arabisch spricht, muss diese Sprache nach einer Autismus-Diagnose nicht aufgeben. Die Forschenden sprechen sogar von einer Art natürlicher Therapie, die im Alltag ohnehin stattfindet. Wichtig bleibt dabei, dass die Sprachen klar zugeordnet sind, etwa eine Sprache pro Elternteil oder eine für zu Hause und eine für draußen, weil das die Orientierung erleichtert. Und wenn Sie in der Kita oder Schule den Rat hören, doch besser bei einer Sprache zu bleiben, lohnt sich der Hinweis auf diese Studienlage. Die Muttersprache ist für viele Familien auch ein Stück Zugehörigkeit, und die muss niemand gegen die Entwicklung des Kindes eintauschen.
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