Auf die Frage „Wie geht es dir?“ kommt bei manchen Kindern nach langem Zögern nur ein „weiß nicht“. Andere spüren am Bauchweh, dass etwas nicht stimmt, können aber nicht sagen, ob es Angst, Wut oder Traurigkeit ist. Dafür gibt es einen eigenen Begriff, der wörtlich „keine Worte für Gefühle“ bedeutet: Alexithymie. Mit Autismus wird sie oft in einen Topf geworfen, obwohl es zwei verschiedene Dinge sind.
Was genau ist Alexithymie?
Ein Persönlichkeitsmerkmal, keine Diagnose. Menschen mit ausgeprägter Alexithymie fällt es schwer, die eigenen Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich eher auf Dinge, die sich sehen oder anfassen lassen, als auf das eigene Innenleben. In der Allgemeinbevölkerung betrifft das etwa 5 Prozent der Menschen. Unter autistischen Menschen liegt der Anteil bei rund 50 Prozent, also zehnmal so hoch. Genau diese Häufung führt zu der Verwechslung, denn was oft als typisch autistisch gilt, gehört möglicherweise zur Alexithymie.
Was hat das mit Emotionserkennung zu tun?
Autistische Menschen schneiden im Schnitt schlechter darin ab, Gefühle in Gesichtern zu erkennen. Der Mittelwert sagt allerdings wenig über den Einzelnen aus, denn es gibt autistische Menschen mit großen Schwierigkeiten und ebenso welche, die das ausgezeichnet können. Die sogenannte Alexithymie-Hypothese geht davon aus, dass die Schwierigkeiten weniger vom Autismus selbst kommen als von der begleitenden Alexithymie. Eine Berliner Studie mit 120 Erwachsenen hat das erstmals im Hirnscanner untersucht. Auf der Verhaltensebene machte die Alexithymie keinen Unterschied: Autistische Teilnehmende mit und ohne Alexithymie zeigten ähnliche Leistungen bei der Erkennung von Gesichtsausdrücken. Im Gehirn sah das jedoch anders aus. Die Hirnscan-Aufnahmen zeigten, dass bei autistischen Menschen mit Alexithymie andere Aktivierungsmuster in sozialen Hirnregionen auftraten. Die Ergebnisse machen damit deutlich, dass sich Unterschiede in der Verarbeitung von Emotionen nicht unbedingt im sichtbaren Verhalten zeigen.
Was bedeutet das für den Alltag?
Vor allem, dass man genauer hinschauen sollte. Wenn ein Kind seine Gefühle kaum benennen kann, ist das keine Frage von Empathie und auch kein automatischer Teil des Autismus. Ein Kind kann sehr wohl stark mitfühlen und trotzdem keine Worte dafür finden. Hilfreich ist alles, was den Umweg über den Körper nimmt, etwa gemeinsam zu benennen, was gerade spürbar ist („dein Bauch zieht sich zusammen, das kann Aufregung sein“). Gefühlskarten oder eine einfache Skala von eins bis fünf geben ein Werkzeug an die Hand, wo die Sprache fehlt. Und ein Satz wie „ich weiß nicht“ verdient Geduld statt Nachbohren, denn manchmal ist er die ehrlichste Antwort, die ein Kind geben kann.
Mehr von JuCare?
Ein Kind, das seine Gefühle nicht benennen kann, fühlt deshalb nicht weniger – es braucht nur andere Wege, sie zu zeigen. Genau daran arbeiten wir in der Autismustherapie. Wenn Sie eine Therapie für Ihr Kind in Betracht ziehen, können Sie sie hier direkt anfragen.
Regelmäßige Einblicke rund um Autismus gibt es in unserem Newsletter und auf Instagram.








