„Autisten haben keine Empathie“ – Warum dieser Mythos komplett falsch liegt

01.04.2026

Autismus und Empathie: Warum das Gehirn fühlt – nur anders

Ein autistisches Kind steht regungslos da, während ein Mitschüler weint. Keine Umarmung, keine tröstenden Worte, kein sichtbares Mitgefühl. Für viele Menschen scheint das die Bestätigung: Autist:innen fehlt Empathie. Doch die Neurowissenschaft zeichnet ein völlig anderes Bild.

Nicht zu wenig – zu viel
Der Hirnforscher Henry Markram hat durch seinen autistischen Sohn Kai eine Erkenntnis gewonnen: Autistische Menschen fühlen nicht zu wenig, sondern eher „zu“ viel. Seine „Intense World Theory“ zeigt, dass das autistische Gehirn auf emotionale Reize schneller und intensiver reagiert als neurotypische Gehirne. Was von außen wie Gleichgültigkeit aussieht, ist in Wahrheit emotionaler Überreizung.
Ein Kind welches sich beim weinenden Mitschüler zurückzieht: Es spürt den Schmerz des anderen möglicherweise so heftig, dass sein Nervensystem auf Notbremsung schaltet. Der Körper reagiert und das Bewusstsein fährt runter, um die Flut an Gefühlen auszuhalten. Nach außen wirkt das distanziert, intern jedoch ist es meistens ein Zusammenspiel von vielen Gefühlen gleichzeitig.
Aktuelle Forschung unterscheidet mindestens vier Empathie-Typen. Kognitive Empathie – das gedankliche Nachvollziehen fremder Perspektiven kann autistischen Menschen tatsächlich schwerfallen. Affektive und somatische Empathie hingegen, also das körperliche Mitfühlen, ist oft überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Nur zeigt sie sich anders als erwartet.

Was das für den Schulalltag bedeutet
Wenn ein autistisches Kind bei Gruppenkonflikten fluchtartig den Raum verlässt, braucht es keine Empathie-Schulung sondern Rückzugsmöglichkeiten und Verständnis dafür, dass gerade die intensive Wahrnehmung fremder Emotionen zur Überforderung führt. Schulbegleiter:innen können lernen, frühe Anzeichen von Overload zu erkennen – bevor das Kind „abblockt“.
Der Hirnforscher Markram formuliert es so: „Wir sagen, Autisten fehlt Empathie. Nein. Uns fehlt sie. Für die Autisten.“

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Quellen
Groß, M. (2020). Autismus: Markrams Intense World Theory. Spektrum der Wissenschaft

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