Der Supermarkt kann ein sehr belebter Ort sein. Die Scannerkassen piepen, aus der Decke dudelt Musik, und zwischendurch meldet sich eine Durchsage mit dem Angebot der Woche. Die meisten Menschen nehmen das kaum bewusst wahr. Wer jedoch empfindlich auf Reize reagiert, kann diese Eindrücke aber nicht einfach wegblenden, und dann wird aus dem herkömmlichen Wocheneinkauf eine Aufgabe, die richtig Kraft kostet. Genau da setzt die Stille Stunde an.
Was steckt hinter der Stillen Stunde?
Als Erfinder gilt Theo Hogg, ein Supermarktangestellter aus Neuseeland, dessen Kind autistisch ist. Seine Idee war ziemlich schlicht: Zu festen Zeiten fährt ein Geschäft die Reize so weit herunter, wie es eben geht. Die Musik bleibt aus und das Licht wird gedämpft. Über Lautsprecher kündigt niemand mehr das Angebot der Woche an.
Stille Stunde SupermarktStille Stunde SupermarktIn Deutschland setzt sich der Verein Gemeinsam Zusammen dafür ein, dass das Konzept möglichst flächendeckend ankommt. Auf der Seite der Initiative stehen inzwischen knapp 300 Betriebe, die mitmachen. Neben Supermärkten sind das auch Kinos, Friseursalons und sogar einige Weihnachtsmärkte. Das Schwimmbad im schleswig-holsteinischen Pinneberg dimmt einmal im Monat für anderthalb Stunden das Licht und sperrt den Sprungturm, und an der Kasse kann man sein abgezähltes Eintrittsgeld hinlegen, ohne ein Wort sprechen zu müssen.
Warum hilft das so vielen Menschen?
Bei neurodivergenten Menschen arbeitet der Reizfilter anders und ist meistens geschwächt. Es kommt also viel mehr gleichzeitig an, und die Verarbeitung kostet spürbar mehr Kraft. Kommt Stress dazu, wird die Reizoffenheit noch größer, bis das Gehirn an eine Belastungsgrenze gerät und jeden weiteren Reiz als überfordernd oder sogar schmerzhaft empfindet.vDer Bundesverband Autismus Deutschland berichtet, dass viele Menschen aus dem Spektrum genau deshalb zurückmelden, wie sehr eine reizärmere Umgebung den Einkauf erleichtert. Manche würden ihre Lebensmittel sonst ausschließlich online bestellen.
Für die Geschäfte selbst hält sich der Aufwand in Grenzen. Investieren muss man dafür nichts, es reicht, sich einmal kurz Gedanken zu machen. Und die ruhige Atmosphäre kommt längst nicht nur bei neurodivergenten Menschen gut an. Ältere Kundinnen und Kunden schätzen sie genauso, und irgendwann braucht ohnehin jeder von uns etwas mehr Zeit, um Reize zu verarbeiten.
Mehr von JuCare?
Wie stark Reize belasten können, zeigt sich oft erst, wenn sie einmal wegfallen. Wie wir Menschen im Spektrum und ihre Familien begleiten, steht auf unserer Seite zur Autismustherapie. Eine Therapie können Sie hier direkt anfragen.
Regelmäßige Einblicke rund um Autismus gibt es in unserem Newsletter und auf Instagram.








